
Autor: Amancham
E-Mail Adresse: amancham@gmx.net
Homepage: http://fiction.intayale.de
Titel: Das andere Ich
Inhalt: Irgendwie kann Charles es nicht lassen. Er sucht Lindsey wieder auf ... doch die Situation eskaliert.
Spoiler: Spielt zwischen 1.19 und 1.21
Altersfreigabe: ab 18 Jahren
Teil: 3/?
Disclaimer: I do not own the characters in this story, nor do I own any rights to the television show "Buffy the Vampire Slayer". They were created by Joss Whedon and belong to him, Mutant Enemy, Sandollar Television, Kuzui Enterprises, 20th Century Fox Television and the WB Television Network.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Gunn/Lindsey
Kommentar: Hm. Auch wenn die Warnungen vielleicht abschrecken... hier das nächste Kapitel. Und wegen der langen Wartezeit (sorry, hab verplant, zu posten!) Gibt es heute ein extra-Langes Kapitel ;)
Warnings: Slash, H/C, BDSM, Dark

Kapitel 3
Irgendwie war es Charles ganz Recht, dass Angel zurzeit zu abgelenkt war, um sich großartig Gedanken über ihn oder irgendwen sonst zu machen. Viel zu viel ging ihm durch den Kopf und er wollte auf jeden Fall versuchen, Lindsey ein wenig zu helfen und es wäre ihm äußert unangenehm gewesen, sich vor Angel dafür rechtfertigen zu müssen. Obwohl er sich nicht ganz sicher war, ob Angel tatsächlich noch daran dachte, dass er dort unten einen Gefangenen hatte. Er machte eher den Eindruck als hätte er Lindsey vollkommen vergessen.
Längst hatte er ein paar Schritte in die Wege geleitet, um Lindsey den Aufenthalt in seiner Zelle zumindest ein wenig angenehmer zu machen und er brannte den ganzen Tag darauf, zu ihm zu gehen und nachzusehen, ob seine Befehle auch wirklich ausgeführt worden waren. Aber die Gefahr, dass irgendwer aufmerksam wurde und nachfragen würde, wo er schon wieder hin ging, war ihm zu groß. Also ließ er es bleiben und versuchte sich auf die Arbeit zu konzentrieren.
Die Betonung lag hierbei auf ‚versuchen’, denn anstatt sich auf die Akten zu konzentrieren, wanderten seine Gedanken immer wieder ab. Er konnte es nicht verhindern, so sehr er es auch versuchte. Wieder ertappte er sich dabei, dass er an die zwei Stunden zurück dachte, die er mit Lindsey verbracht hatte. Vielmehr an die letzte Stunde.
Der junge Mann war irgendwann wirklich eingeschlafen. Er hatte sich nicht auf die Pritsche gelegt, schmunzelnd erklärt, dass die nicht bequemer sei als der Boden. Als ihn endlich der Schlaf überrannt hatte, war Lindsey langsam vornüber gesackt und Charles hatte ihn festgehalten, ihn mehr oder weniger in seine Arme gezogen. Auch jetzt hatte er noch das Gefühl, Lindseys Körper gegen seine Kleidung zu spüren.
Wieder stand er auf, ging in seinem Büro auf und ab, um die Erinnerungen loszuwerden. Es funktionierte nur bedingt, denn sobald er sich wieder setzte und ruhig hielt, war da wieder das Gefühl eines Körpers in seinen Armen und er war fest davon überzeugt, dass der Schlafmangel ihn jetzt endgültig durchdrehen ließ.
Gegen Mittag gab er auf, sich auf die Fälle konzentrieren zu wollen und verließ sein Büro um die Mittagspause irgendwo außerhalb von Wolfram und Hart zu verbringen. Gedankenverloren stieg Charles in den Aufzug und erstarrte, als sich wenig später die Türen öffneten und er sich wieder einmal im Kellergeschoss mit den Zellen befand. Irritiert sah er sich um und starrte auf die Anzeigen, doch es war sonst niemand in der Nähe und es leuchtete auch kein weiterer Knopf. Ganz offensichtlich hatte also wirklich er selbst diese Etage gewählt. Eigentlich wollte er wieder nach oben fahren und endlich das Weite suchen, um seine Gedanken wieder in den Griff zu bekommen, doch er zögerte. Selbst als sich die Türen wieder schlossen, der Aufzug jedoch blieb, wo er war, weil scheinbar tatsächlich kein Mensch in der gesamten Firma im Moment irgendwo hin wollte, blieb Charles noch immer unschlüssig stehen.
Wieder wollte er den Knopf für das Erdgeschoss drücken, hielt erneut inne. Tief in ihm nagte ein seltsames Gefühl und er konnte es weder benennen noch abschalten. Ein ungutes Gefühl, eine Vorahnung und zu seinem vollkommenen Entsetzen, betraf diese Vorahnung Lindsey. Irgendetwas stimmte nicht. Mit zitternder Hand drückte er erneut den Knopf dieser Etage und die Türen öffneten sich.
Er öffnete die Tür und trat ein, nickte dem Wachmann zu. „McDonald, mal wieder?“, erkundigte dieser sich mit einem freundlichen Lächeln. Charles nickte knapp.
„Der hat Informationen und will sie einfach nicht ausspucken.“ Er zwinkerte verschwörerisch. „Werde ich wohl noch öfter hierher kommen.“
„Kein Problem, Mr. Gunn. Immer gerne. Wollen Sie sich diesmal vielleicht an unserem kleinen Arsenal bedienen?“
„Sicher.“ Charles erwiderte das Lächeln. Er hatte keinerlei Intention, irgendwelche Foltergeräte an Lindsey anzuwenden, aber er musste schließlich den Schein wahren. Also würde er eben etwas mitnehmen. Der Wachmann führte ihn in einen Raum, dessen Beleuchtung sich beim Öffnen der Türe anschaltete. Charles musste sich schwer zusammenreißen, um nicht aufzukeuchen. Unter einem kleinen Arsenal hatte er wirklich etwas anderes verstanden. Ganz offensichtlich war die Definition von Wolfram und Hart, was „klein“ betraf, etwas anders ausgelegt als bei ihm.
Der Raum maß etwa 20 Quadratmeter und war ausstaffiert mit allerlei Foltergeräten, die Charles zum größten Teil nicht einmal benennen konnte. Seine Phantasie reichte allerdings bei den meisten Gerätschaften weit genug, um sich vorstellen zu können, wozu sie wohl dienen mochten.
„Ich denke, ich fange mit etwas Kleinem an“, wandte er sich schließlich an den Wärter und wies auf eine einfache Peitsche. „Kann beim nächsten Mal ja etwas anderes wählen, wenn er nicht kooperiert.“
„Sicher, Mr. Gunn. Allerdings würde ich die Neunschwänzige empfehlen. Er ist ein harter Brocken, wenn sie verstehen, was ich meine.“ Charles nickte schwach und nahm sich vor, Lindsey gleich noch genauer nach etwaigen Misshandlungen und Verletzungen zu fragen. Er nahm die Peitsche entgegen und folgte dem Wärter dann zur Tür von Lindseys Zelle. Der Mann öffnete die Tür und ließ ihn eintreten, hinter ihm fiel die schwere Eisentür wieder krachend ins Schloss.
Lindsey lag erneut auf der Pritsche, wandte sich beim Geräusch der Tür allerdings ruckartig um. Ein schwaches Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen, verschwand jedoch sogleich und machte einem finsteren Gesichtsausdruck Platz, als sein Blick auf Charles’ Hand fiel.
„Hätte ich mir ja denken können. Hatte also doch Recht und Sie stehen auf die Machtspiele“, knurrte er. Sein Tonfall besaß eine Kälte, die Charles frösteln ließ. Er wartete noch einen Moment länger, bis die Lichter an den Kameras ausgingen, was ihm andeutete, dass sie jetzt deaktiviert waren und ließ die Peitsche dann rasch fallen.
„Das ist nur Alibi, Lindsey“, meinte er entschuldigend. „Wird etwas auffällig, wenn ich hier ständig aufkreuze und nur reden will. Hab denen jetzt erzählt, dass ich Informationen brauche und dass du nicht so Recht kooperieren willst.“ Charles zwang sich zu einem Lächeln, in der Hoffnung, damit das Eis zu brechen. Um Lindsey zu beweisen, dass es ihm ernst war, trat er näher, weg von der Peitsche.
Lindsey schwieg einen Moment, den Blick noch immer auf die Peitsche geheftet. Scheinbar kostete es ihn einige Mühe, die Augen davon zu lösen. Es schmerzte Charles ein wenig, dass der junge Mann ganz offensichtlich dachte, er würde wirklich Gebrauch von dem Ding machen. „Lindsey?“, sprach er ihn vorsichtig an, riss ihn damit scheinbar endlich aus der Erstarrung. Er hob den Blick, lächelte schwach. Charles trat noch etwas näher, zog einen Stuhl mit zur Pritsche und ließ sich darauf nieder. „Was ist los?“, fragte er leise. Lange Wimpern streiften blasse Wangen, als Lindsey die Augen niederschlug.
„Der Letzte, der sowas dabei hatte, hat ganz saftig davon gebrauch gemacht“, meinte er schließlich. „Macht mich ein bisschen nervös, das Ding.“ Charles starrte ihn mit offenem Mund an.
„Wann?“, erkundigte er sich fast schon tonlos. Lindsey zuckte die Schultern.
„Vor ein paar Tagen.“
„Wer?“
„Ehemaliger Kollege. Hatte vermutlich sogar das Recht dazu. War nicht unbedingt nett zu ihm, als ich in der Karriereleiter erst mal über ihm stand.“ Lindsey lächelte, doch es wirkte aufgesetzt, traurig. „Geschieht mir vermutlich ganz Recht. Eigentlich sollte ich mich nicht beschweren. Mindestens die halbe Belegschaft hätte guten Grund mich auszupeitschen und aufhalten würde sie auch niemand.“
„Das werden wir ändern.“ Charles kochte innerlich. Wie konnte Angel zulassen, dass der junge Mann hier unten misshandelt wurde! Das war einfach unglaublich. Das war nicht Angel. „Lass mal sehen.“
„Huh?“ Charles seufzte.
„Na, ich wette, es hat sich niemand um eventuelle Wunden gekümmert, oder? Ebenso wenig wie an deinen Handgelenken.“ Lindsey lächelte schwach und hob beide Hände. Die Handschellen waren verschwunden und stattdessen blitzten weiße Verbände an seinen Handgelenken.
„Ah. Dann hab ich das hier wohl dir zu verdanken, huh?“
„Keine Ursache.“
„Hey, ich hab nicht mal danke gesagt.“
„Macht nichts. Und jetzt zeig schon her, damit ich sehe, ob da auch noch medizinische Versorgung von Nöten ist.“ Einen weiteren Moment starrte ihn Lindsey noch nachdenklich an, ehe er etwas von der Wand weg rutschte und langsam die Knöpfe an seinem Shirt öffnete. Schließlich stand er auf und ließ das Hemd über seine Schultern nach unten gleiten, warf es dann auf die Pritsche und drehte sich um.
Charles stand ebenfalls auf und trat näher. Er hatte Schlimmeres erwartet und war nun doch erleichtert, dass der Rücken des jungen Mannes nicht so grässlich aussah, wie es in seiner Vorstellung der Fall gewesen war. Die meisten Striemen waren zwar blau angelaufen, jedoch nicht aufgeplatzt. Nur bei wenigen Schlägen schien der Misshandelnde tatsächlich genug Kraft aufgebracht zu haben, um die Haut aufspringen zu lassen und die meisten der Wunden waren verkrustet und schienen abzuheilen. Nur eine war stark gerötet und hatte sich augenscheinlich entzündet. Lindsey hob die Arme und stützte die Hände links und rechts von sich an der Wand ab.
Mit gewisser Faszination, die er jedoch sogleich wieder verdrängte, beobachtete Charles das Spiel der Muskeln unter der geschundenen Haut. Lindsey hatte den Kopf nach vorne auf seine Brust sinken lassen und rührte sich nicht weiter.
„Sieht aus als hätte sich eine der Wunden entzündet.“ Charles räusperte sich. „Darf ich?“ Lindsey wandte den Kopf zurück und nickte knapp. Behutsam, darauf bedacht, ihm keine allzu großen Schmerzen zuzufügen, betastete Charles eine der Wunden. Sie war gerötet und geschwollen und er war sich sicher, dass unter der Verkrustung Eiter lag und sich weiter nach innen fraß. Nur einmal zuckte Lindsey unter dem prüfenden Druck seiner Finger zusammen. Ansonsten ließ er es geduldig über sich ergehen.
Charles ließ seine Hand weiter wandern, betastete noch die ein oder andere Wunde, ehe er die Hand wieder sinken ließ. Noch immer nachdenklich betrachtete er den Rücken des anderen Mannes. „Sieht soweit ganz gut aus“, meinte Charles endlich mit leiser Stimme. „Die eine Wunde sollte sich ein Arzt ansehen, aber sonst scheint alles gut zu verheilen. Ich werde dafür sorgen, dass sich jemand darum kümmert.“ Lindsey nickte knapp. Er stand noch immer an der Wand, bewegte sich nicht, wandte sich nicht um.
Plötzlich stieß er sich von der Wand ab, drängte nach hinten. Charles sog scharf die Luft ein, als Lindseys abrupte Bewegung dafür sorgte, dass ihre Körper für einen winzigen Augenblick gegeneinander gedrängt wurden. Seine Hand schoss auf die Hüfte des jungen Mannes hinunter und er drängte ihn wieder nach vorne, trat selbst rasch zurück. „Hey, pass auf“, brauste er auf. Lindsey wandte sich nicht um.
„Sorry“, meinte er nur leise. Charles wich weiter zurück.
„Meine … ah … ich muss wieder … meine Mittagspause … ist … ich muss zurück zur Arbeit.“
„Ja sicher. Danke, dass du … Danke.“ Noch immer wandte sich Lindsey nicht um, starrte nunmehr schweigend die Wand an. Charles eilte zurück zur Türe, hob die Peitsche auf unddrückte den Knopf an der Gegensprecheinrichtung. Gleich darauf öffnete sich die Tür und er eilte hinaus. Er drückte dem Wärter die Peitsche in die Hand, faselte etwas von Terminen und suchte rasch das Weite.
Im Aufzug lehnte sich Charles gegen die kalte Eisenwand und schloss die Augen, atmete tief und gleichmäßig. „Fuck“, murmelte er gepresst und ließ seine Hand fast schon zögerlich in seinen Schritt wandern. Er war tatsächlich hart. Nicht richtig. Aber es reichte, um ihn vollkommen aus der Bahn zu werfen. Natürlich war das ein Versehen gewesen. Lindsey hatte sich vermutlich nur von der Wand wegdrücken und umdrehen wollen und er war einfach zu dicht hinter dem Mann gestanden und deshalb hatte seine Männlichkeit eine flüchtige Begegnung mit der – zugegebenermaßen wohlgeformten – Kehrseite des jungen Mannes gemacht. Charles schüttelte den Kopf. Er war nicht schwul. Nie gewesen. Warum also reagierte er dermaßen heftig darauf? Warum war dieser winzige Moment ausreichend, um ihn aus der Bahn zu werfen und was noch viel wichtiger war: Hatte Lindsey es bemerkt? Die Vorstellung war zu peinlich. Er wollte nicht weiter darüber nachdenken und zupfte noch etwas an seiner Hose herum, bis sie wieder einigermaßen bequem saß und er sich sicher war, dass nicht jeder sofort bemerken würde, dass er etwas aufgewühlt war.
Als sich die Aufzugtüren öffneten, war er wieder ganz er selbst, hatte die Gedanken einfach verdrängt und trat festen Schrittes auf den Gang. Er hatte schließlich noch immer viel zu erledigen.
~*~
Charles lächelte, als er das Schreiben in den Umschlag steckte. Eigentlich wusste er nicht einmal genau, warum er das alles tat. Es hätte wirklich ins Auge gehen können, aber dennoch hatte er die Gefahr auf sich genommen, von Angel erwischt zu werden.
Zum Glück war der beseelte Langzahn im Moment viel zu desinteressiert, um sich genauer anzusehen, was er alles unterschrieb und Charles hatte ihm die Vollmacht zwischen einige andere Aufträge und Verträge gelegt und ihn alles in einem stressigen Moment unterschreiben lassen. Fast war es ärgerlich, dass Angel sich nicht weiter dafür interessierte, was er da alles unterschrieb. Doch auf der anderen Seite musste er im Moment wirklich dankbar dafür sein. Wäre ihm sein Boss auf die Schliche gekommen, hätte er sich ein paar gute Ausreden einfallen lassen müssen. So machte er es ihm wirklich leicht.
Nachdem er die Instanz und Zimmernummer auf den Umschlag geschrieben hatte, steckte er ihn zwischen die restliche Hauspost auf seinem Schreibtisch. Etwas später würde ein alter Mann vorbei kommen und die Briefe abholen. Dann würde der ganze Kram sortiert und verteilt werden und mit etwas Glück würde morgen keiner mehr zu Lindsey können, ohne dass Charles zuvor informiert wurde. Die Aussicht war äußerst beruhigend.
Als nächstes kümmerte er sich noch darum, dass ein Arzt zu dem jungen Mann geschickt wurde, um sich die entzündete Wunde an seinem Rücken anzusehen. Dann machte er sich wieder an seine tatsächliche Arbeit, die ihn schon längst tierisch nervte. So sehr er noch immer froh war, mehr als nur ein Schläger zu sein, etwas bewirken zu können. So sehr störte es ihn auch, dass sie hier einfach definitiv auf der falschen Seite standen. Er wurde das Gefühl nicht los, dass es völlig egal war, was sie machten und die Senior Partner trotz allem gewinnen würden. All ihre Bemühungen konzentrierten sich derzeit darauf, den bösen Buben zu helfen, anstatt sie einfach der Reihe nach abzuschlachten. Es war nicht richtig. Überhaupt nicht.
Seufzend schleuderte er die Akte wieder auf den Tisch und warf einen Blick auf die Uhr. Er hatte in weniger als zwei Stunden einen Gerichtstermin. Wieder einer dieser Fälle, die er eigentlich verlieren sollte, weil der Angeklagte durch und durch in die Kategorie „böser Bube“ fiel. Aber nein. Er hatte sich eine gute Verteidigung aufgebaut und er würde den Fall gewinnen. Nicht dass es irgendwen interessierte. Wesley und er redeten wenig miteinander. Wenn überhaupt. Angel konnte er nicht mehr trauen, Illyria war ohnehin nur an der Weltherrschaft interessiert und Spike war ungefähr so hilfreich wie ein Zigarettenstummel in tiefschwarzer Nacht in einem Wald, bei dem Versuch den richtigen Weg zu finden. Im Moment hasste er sein Leben tatsächlich. Aber das interessierte ja niemanden so wirklich. Hauptsache, er funktionierte und machte seinen Job gut. Und das bedeutete, den Fall heute Nachmittag gewinnen.
~*~
Eigentlich hätte Charles nach Hause gehen können. Er hatte tatsächlich gewonnen, es war schon spät, als er sich von seinem Klienten endlich verabschieden konnte und ganz sicher musste er heute nicht mehr ins Büro. Schließlich hatte er ohnehin Überstunden geschoben. Doch er beschloss, trotzdem noch zur Kanzlei zu fahren. Er war viel zu aufgewühlt, um jetzt nach Hause zu gehen und sich hinzulegen. Genauso gut konnte er auch den Papierkram heute noch erledigen.
Er brauchte gerade einmal eine Stunde, um dem Papierkrieg beizukommen und saß dann etwas ratlos an seinem Schreibtisch. Eigentlich wäre er gern zu Lindsey gegangen, um zu sehen, ob der junge Mann versorgt worden war, wie er angeordnet hatte und um sich zu erkundigen, ob Lindsey womöglich noch einmal von jemandem Besuch bekommen hatte. Andererseits wusste er nicht so recht, wie er reagieren würde, wenn er wieder vor dem jungen Mann stand. Die Erinnerung an den kurzen Körperkontakt in seiner Mittagspause war noch immer recht frisch und ließ durchaus etwas zu viel Blut nach unten rauschen. Das missfiel ihm sehr, denn nach wie vor war sich Charles absolut sicher, dass er nicht schwul war. Er konnte Lindsey noch nicht einmal wirklich leiden, kümmerte sich nur um den Kerl um … ja, eigentlich um Angel eins auszuwischen und weil er es nicht richtig fand, ihn so unmenschlich zu behandeln, auch wenn er ein Mistkerl war.
Die Neugierde siegte dann aber doch. Hinzu kam, dass er einfach noch immer nicht schlafen konnte. Innerlich kochte Charles, hasste sich selbst für das, was er heute im Gerichtssaal getan hatte. Vielleicht würde ein kurzes Gespräch mit Lindsey ja helfen, ihn auf andere Gedanken zu bringen.
Als er durch die Tür trat, sah ihn der junge Mann überrascht an, senkte dann den Blick.
„Was verschafft mir die Ehre?“, erkundigte er sich schließlich. „Wird Daddy nicht sauer, wenn du hier ständig vorbeikommst? Kann mir nicht vorstellen, dass Angel allzu erheitert ist, dass du mir hilfst.“
„Er weiß noch immer nichts davon“, meinte Charles leise. „Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich dir nicht in erster Linie helfe, um ihm eins auszuwischen. Eben weil ich weiß, dass er es nicht gutheißen würde.“ Lindsey hob den Blick und zog die Augenbrauen hoch.
„Wenigstens bist du ehrlich. Das muss man dir lassen.“ Er grinste breit. „Was stehst du da an der Tür herum? Hast du vor, gleich wieder zu verschwinden?“ Charles räusperte sich, kam dann nach kurzem Zögern näher. Doch anstatt sich auf dem Stuhl beim Bett niederzulassen, wählte er den zweiten Stuhl im Raum, der noch immer am Tisch stand und somit ein gutes Stück von Lindsey entfernt. Der Gefangene quittierte seine Wahl mit einem leisen Seufzen, dem Charles jedoch keine weitere Bedeutung beimaß.
„Hattest du heute noch weitere Besucher?“, erkundigte er sich leise. Wieder zeigte sich ein Lächeln auf Lindseys Lippen. Er zwinkerte.
„Eifersüchtig?“ Dann jedoch lehnte er entspannt den Kopf gegen die Wand und zuckte leicht die Schultern. „Nur einen, seit du hier warst. War wohl ein Arzt. Hat diese hässliche Entzündung an meinem Rücken versorgt. Ich vermute mal, das hab ich auch dir zu verdanken, huh?“ Charles senkte den Blick.
„Du musst mir nicht danken. Wie ich schon sagte, tu ich es nicht in erster Linie wegen dir.“
„Okay.“ Stille senkte sich herab, unangenehme Stille und Charles überlegte gerade, wie er ein Gespräch anfangen sollte, das in die Richtung ging, über die er eigentlich hatte reden wollen. Doch Lindsey nahm ihm die Probleme schlicht ab. „Wie war dein Tag? Ich würde dir ja von meinem Tag erzählen, aber das ist eher langweilig, wie du dir sicherlich denken kannst.“ Er lachte. „Ich hab herumgelegen, etwas geschlafen, noch mehr herumgelegen … ach ja. Ich habe an die Decke gestarrt und die Kratzspuren in den Wänden gezählt. Ansonsten … habe ich noch die Akustik des Raums erforscht und … ja, das war eigentlich so ziemlich das Interessanteste.“Charles musste schmunzeln. Lindsey konnte richtig sympathisch sein, wenn er nicht gerade auf vollkommene Gegenwehr schaltete.
„Klingt als hättest du einen vollen Tag gehabt“, scherzte er locker. „Meiner war weit weniger interessant. Ich hab Angel eine kleine Vollmachtsbestätigung untergeschoben. Das heißt, sobald die morgen hier unten ankommt, kann keiner mehr zu dir, ohne dass ich das Okay dazu gebe.“ Er zwinkerte. „Jetzt hab ich dich in der Hand. Dich darf nur noch Foltern, wer mich überzeugen kann, dass du es verdienst.“
„Dürfte nicht schwer sein“, meinte Lindsey kühl. „Ich hab genug Mist in meinem Leben gebaut. Die Hälfte der Leute hier haben einen wirklichen Grund mich zu hassen, die andere Hälfte hasst mich aus Firmensport heraus. Gegen die Senior Partner kann nicht einmal Angels Vollmacht etwas ausrichten und wenn Angel gerade Bock auf eine Runde ‚Hau den Lindsey’ hat, kannst du auch nichts machen.“
„Sicher. Ich kann nichts gegen ihn oder die Senior Partner ausrichten, aber … fuck. Denkst du wirklich, ich lass zu dass hier irgendwer gefoltert wird, wenn ich davon weiß?“ Entsetzt starrte er Lindsey an. Wie konnte der junge Mann so von ihm denken? Nach allem, was er bereits für ihn getan hatte?
„Nein“, gab Lindsey zu und senkte erneut den Blick, starrte auf seine Hände, die er auf dem gestreckten Oberschenkel abgelegt hatte. Abermals seufzte er. „Scheiße Mann. Tut mir leid.“
„Okay.“ Und wieder war da diese drückende Stille. Charles wusste nicht, woher sie kam, warum sie so unangenehm war. Diesmal brach er das Schweigen. „Hatte heute Nachmittag einen Gerichtstermin“, meinte er leise.
„Gewonnen, vermute ich mal?“ Charles nickte. „Gratuliere. Wirkst allerdings nicht gerade glücklich.“ Zu mehr als einem Schulterzucken konnte er sich nicht aufraffen. Lindsey lachte leise und zog damit wieder seine Aufmerksamkeit an. „Scheiße Mann. Du machst dich hier kaputt, wenn du deine Seele nicht abschotten kannst.“
„Das ist also dein Geheimnis? Ich habe mich schon gefragt, wie du damit leben konntest, seit ich die erste verdammte Verhandlung im Namen des Bösen gewonnen habe.“
„Es ist nur eine Verhandlung, Gunn. Und es ist dein Job zu gewinnen, egal ob du der Ansicht bist, dass dein Klient unschuldig ist oder nicht“, meinte Lindsey leise. „So ist das nun mal. Je eher du dich damit abfindest, desto besser.“
„Es ist nur …“
„Nein.“ Lindseys Stimme durchschnitt die Luft wie ein Messer. „Es. Ist. Dein. Job.“ Er hatte sich aufgesetzt und sah Charles eindringlich an. „Akzeptiere es.“ Er schüttelte mit einem seltsamen Blick den Kopf. „Ich werde nie verstehen, warum ihr euch darauf eingelassen habt. Keiner von euch hat wirklich den Mumm oder die Kraft dazu, auf dieser Seite der Grenze zu spielen. Ihr habt gedacht, es würde einfach werden? Habt ihr allen Ernstes gemeint, ihr marschiert hier rein und alles wird gut? Dass ihr von hier aus die Welt verändern könnt? Dass die Senior Partner euch einfach so gewähren lassen würden?“ Lindsey lachte. „Verdammt, Angel sitzt vielleicht im Sessel des CEO, aber er hat hier nichts zu melden. Will das nicht in eure verdammten Schädel rein?“
„Nein, ich …“
„Weißt du eigentlich, warum ich es getan habe?“, meinte Lindsey leise. „Warum ich trotz allem auf dieser Seite der Grenze geblieben bin?“ Charles schüttelte verdutzt den Kopf. Lindsey lächelte überheblich. „Weil es die größere Herausforderung ist“, meinte er schlicht, als hätte er damit das Rätsel gelöst.
„Was?“
„Überleg mal.“ Lindsey zuckte die Schultern. „Es ist leicht, auf eurer Seite zu spielen. Das zu tun, wovon man überzeugt ist. Etwas zu machen, wo man voll und ganz dahinter steht. Jeden Abend in den Spiegel zu sehen und sich zu sagen: ‚Junge, du hast heute wieder gute Arbeit geleistet und ein Leben gerettet. Verdammt, bist du gut’ Das kann jeder, Gunn. Dazu muss man nichts Besonderes sein, auch wenn ihr euch ständig einredet, dass ihr das seid.“
„Und was hat das …“
„Die tatsächliche Herausforderung ist die andere Seite. Jenseits von eurer hellen Welt, in der in jedem etwas Gutes steckt und es jeder verdient, gerettet zu werden. Nah, außer der Jemand heißt Lindsey McDonald, wie wir alle wissen.“ Er schnaubte, klang beinahe verletzt. „Egal. Wir wollen ja nicht in alten Zeiten schwelgen. Was ich sagen will: Die wirkliche Herausforderung ist es, darin gut zu sein, was man macht, auch wenn man gar nicht davon überzeugt ist. Damit zu leben, was man vielleicht falsch gemacht und trotzdem noch in den Spiegel sehen zu können und zu lächeln, weil man weiß, dass man den Job trotz allem gut gemacht hat. Die wahre Kunst ist es, damit zu leben. Viel Glück dabei. Ich glaube nicht, dass du es auf Dauer schaffen wirst.“ Charles war wütend.
„Du hast doch wirklich den Verstand verloren! Himmel! Hörst du dir eigentlich zu? Bist du noch zu retten?“
„Nein. Deshalb bin ich hier.“ Lindsey grinste erneut. Das war definitiv mehr als Charles ertragen konnte. Wutentbrannt stand er auf und ging zu Tür. Fast rechnete er damit, dass Lindsey ihn wieder aufhalten würde. Dass er ein paar glaubwürdige Worte der Entschuldigung sagen und ihn bitten würde, doch noch zu bleiben, doch der sagte nichts. Ganz im Gegenteil. Mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen beobachtete er ihn, wie Charles bei einem kurzen Blick zurück feststellen musste. Er schnaubte erneut und drückte den Knopf auf der Gegensprechanlage. Die Lautsprecher knackten und der Wärter erkundigte sich, ob er raus wollte. Charles hielt inne, wandte sich erneut um. Betrachtete das überhebliche, siegreiche Grinsen, das spöttische Blitzen der hellblauen Augen. Er antwortete mit einem ebenso herablassenden Lächeln.
„Würden Sie mir wohl die Neunschwänzige bringen?“, erkundigte er sich stattdessen und beobachtete mit gewisser Genugtuung, wie das Blitzen aus Lindseys Augen wich und sich das helle Blau langsam in einen dunkleren Farbton veränderte. Auch wenn Lindseys Gesicht ansonsten keine Regung auf seine Worte zeigte, merkte Charles durchaus, dass er den anderen Mann mit der Reaktion gleichermaßen überrascht wie auch geschockt hatte.
Gleich darauf hielt er die Peitsche in der Hand und wandte sich wieder um.
„Wie ist es, Lindsey? Legst du das Hemd freiwillig ab, oder soll ich es dir vom Körper peitschen? Übrigens hab ich keine Hemmungen, im Gegensatz zu deinem letzten Besucher hier unten. Dachte mir, das willst du vielleicht wissen.“
Mit zusammengebissenen Zähnen nickte Lindsey und stand auf. Er mühte sich nicht erst mit den Knöpfen ab, sondern zog sich das Hemd einfach über den Kopf, ließ es achtlos auf den Boden fallen. „Wohin?“, erkundigte er sich. Er bemühte sich um einen amüsierten Tonfall, doch seine Stimme klang rau.
„Umdrehen. An die Wand“, bellte Charles. Lindsey gehorchte emotionslos.
So, ich hoffe, das zählt als Entschädigung für die lange Wartezeit... sorry. Hab's irgendwie nicht geschafft, schneller zu posten *schäm*
Erst mal danke an alle, die bisher mitgelesen haben und noch immer mitlesen. Auch ohne Kommentare ... ich bin ehrlich überrascht, dass die Geschichte trotz Warnungen und seltsamem Pairing doch so viele Reads bekommen hat, bisher. *froi*
@AngelSlayer: Ich schreib immer vor, deswegen kann ich relativ zügig posten ;) Leider hatte ich die letzten Tage etwas stress, drum diese doofe Wartezeit. Sorry!!
Ach, der kleine muss dir ned so wirklich leid tun. Ernsthaft ... Na, bisschen vielleicht *g* Freut mich sehr, dass dir der Wechsel zwischen dem leidenden Lin und dem uns bekannten Lin gefällt.
Ah, ich hab noch so einige Pläne für die beiden ;) Vielen lieben Dank für's Lesen und den Kommentar wieder!
@Bronx: *knuddel* Danke Süße! Freut mich echt total, dass dir die Story so gut gefällt! Das ist wirklich ein Ansporn! Vielen, vielen Dank dass du wieder reingelesen und mir nen Kommentar da gelassen hast!
@Meg: Ui! Vielen, vielen Dank für den Kommentar. Hab mich gefreut wie eine Schneekönigin! Ist echt lieb von dir, dass du mir einen Kommentar da gelassen hast. Freut mich auch sehr, dass dir die Geschichte soweit gefällt und dass ich die Atmosphäre rüberbringen konnte. Das ist mir schon wichtig, bei meinen Sachen ... Schön, dass es wohl gelungen ist.
Ich hoffe, dir gefällt die Story auch weiterhin und vielleicht meldest du dich ja mal wieder zu Wort. würde mich sehr freuen! Nochmal vielen Dank für's Lesen und Kommentieren.
@Lackluder: *looool* Ich glaub nicht, dass das passieren wird ;)
*grin* Soso. Du wärst also gernen Gunn.... Na, verstehen kann ich es ja *g* Freut mich so sehr, dass dir die Story so gefällt. *hugs* Und ich glaub, das mit dem Verließ lass mal lieber bleiben ;) könnte kompliziert werden, das zu erklären *g* Danke dass du auch den zweiten Teil kommentiert hast! *hugs*