
Autor: Amancham
E-Mail Adresse: amancham@gmx.net
Homepage: http://fiction.intayale.de
Titel: Das andere Ich
Inhalt: Der Plan steht. Charles will Lindsey abends wieder mit zu Aaron nehmen, doch dann geschieht etwas unvorhergesehenes, das sämtliche schöne Pläne über den Haufen wirft.
Spoiler: spielt ab 5.19
Altersfreigabe: ab 18 Jahren
Teil: 11/18
Disclaimer: I do not own the characters in this story, nor do I own any rights to the television show "Buffy the Vampire Slayer". They were created by Joss Whedon and belong to him, Mutant Enemy, Sandollar Television, Kuzui Enterprises, 20th Century Fox Television and the WB Television Network.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Gunn/Lindsey
Kommentar: Sorry!!! Ich war die letzten Tage wieder voll verplant... aber als trostpflästerchen werd ich gleich zwei Kapitel online packen... spammen wir mal ein wenig ;)
Warnings: Slash, H/C, BDSM, Dark

Charles’ erster Weg führte ihn – entgegen besserem Wissen, wie er sich selbst im Aufzug grummelnd erklärte – direkt zu Lindsey. Es war ohnehin viel zu früh, um sich in seinem Büro zu verkriechen und er wollte Lindsey bescheid geben, dass er ihn gegen Abend wirklich abholen würde, um zu Aaron zu fahren … Allerdings war Charles selbst völlig klar, dass das nur Ausreden waren, die er sich selbst vorschob. Er wollte einfach nur zu Lindsey, weil er ihn tatsächlich vermisst hatte. Seine ruhige, gelassene und vor allem offene Art wirkte beruhigend auf Charles und genau das brauchte er dringend.
Erst als sich die Tür hinter ihm wieder schloss und Lindsey sich kurz regte, dann aber nicht weiter reagierte, wurde ihm bewusst, dass es vielleicht nicht die beste Idee war, um sechs Uhr morgens bei ihm in der Zelle aufzutauchen. Ganz offensichtlich schlief Lindsey tief und fest und Charles wollte ihn keinesfalls wecken. Er schlich leise auf die Pritsche zu und ließ sich dann daneben auf den Boden sinken. Sein Blick hing auf Lindseys entspanntem Gesicht und ein Lächeln huschte über seine Lippen. Einige lockige Strähnen waren dem jungen Mann ins Gesicht gefallen und ließen ihn noch um einige Jahre jünger wirken. Außerdem hatte er etwas von einem Engel. Charles zog die Beine an, stützte die Arme auf die Knie und bettete seinen Kopf auf seine Unterarme. Er wollte ihn einfach nur betrachten. Vielleicht würde Lindsey ja aufwachen.
~*~
Charles holte tief Luft und murrte leise. Er wollte sich umdrehen und weiterschlafen, doch dann flogen seine Augen auf. Orientierungslos blickte er sich um.
„Wieder wach?“, flüsterte Lindsey sanft und kuschelte sich noch enger an ihn. Langsam nahm Charles seine Umgebung durch den Schleier, den der Schlaf hinterlassen hatte, wahr. Vor allem nahm er wahr, dass er noch immer auf dem kalten Boden saß, jetzt aber notdürftig zugedeckt war, und dass er seine Körperhaltung gravierend verändert hatte. Ein Bein hatte er ausgestreckt, wobei sein Oberschenkel dem jungen Mann als Kopfkissen diente, das andere Bein hatte er irgendwie über Lindsey gelegt, klemmte ihn somit regelrecht ein. Eine Hand hatte er in Lindseys Haare gegraben, die andere hielt Lindseys Oberarm fest.
Wie diese seltsame Haltung zu Stande gekommen war, blieb ihm nach wie vor ein Rätsel. Ihm fiel nur auf, dass er Lindsey regelrecht eingeschlossen hatte und der nicht wegkommen konnte.
„Du bist ganz schön besitzergreifend“, kicherte Lindsey zu allem Überfluss auch noch, als wollte er Charles’ Überlegungen noch bestätigen. Rasch ließ er los und nahm sein Bein weg. Doch Lindsey machte keine Anstalten, aufzustehen. Blaue Augen blickten schläfrig zu ihm hoch.
„Tut mir leid, ich weiß gar nicht …“, stammelte Charles verstört. Lindsey betrachtete ihn sanft, schüttelte den Kopf.
„Muss es nicht.“ Der junge Mann lächelte beinahe scheu. „Hab mich sicher gefühlt.“ Etwas verdutzt sah ihn Charles an. „Guck nicht so. Ich schlaf noch immer nicht durch.“ Endlich gab Lindsey seine Nähe auf und richtete sich auf. Er sah Charles nicht an, hielt den Blick gesenkt, fast als wäre es ihm peinlich, dass er noch immer Albträume hatte.
„Das wusste ich nicht. Ich hatte gedacht …“ Lindsey schüttelte den Kopf. Charles seufzte leise. „Sollten sehen, dass wir dich hier raus und auf freien Fuß bekommen …“ Lindsey reagierte auf diese Aussage mit trockenem, humorlosem Lachen.
„Na sicher. Und wie willst du das schaffen? Unmöglich. Angel würde nie zulassen, dass ich hier rausmarschiere.“
„Vielleicht finde ich eine Möglichkeit.“ Charles seufzte. Dann jedoch fiel sein Blick auf seine Armbanduhr und er rappelte sich fluchend hoch. „Verdammt! Es ist ja schon halb zehn. Fuck. Ich bin überfällig!“ Er eilte in Richtung Tür, drehte dann aber doch noch mal um. „Tut mir leid, Lindsey.“
„Kein Problem.“
„Ich hole dich heute Abend ab. Ruh dich bis dahin noch etwas aus … ich hoffe, deinen Muskeln geht es einigermaßen gut?“
„Sicher. Verschwinde endlich, bevor sie noch ne Suchpatrouille losschicken.“ Charles wollte sich eigentlich noch einen kleinen Kuss stehlen, entschied sich dann aber doch dagegen. Er war sich sicher, dass er dann gar nicht mehr in sein Büro kommen würde. Schon jetzt wurde ihm seltsam zu Mute, bei dem Gedanken, dass er mehrere Stunden würde überstehen müssen, ehe er wieder zu Lindsey konnte.
Tatsächlich entpuppte sich der Tag für Charles als unangenehm lang und anstrengend. Einem Meeting mit dem Team, bei dem eigentlich nichts interessantes besprochen wurde – außer dass sich Angel nach seinem Verbleib erkundigte, woraufhin Charles wahrheitsgemäß angab, dass er verschlafen habe und der Vampir daraufhin auch noch meckerte, weil seine Arbeitsmoral nachlasse – folgten einige Treffen mit Klienten, von denen die wenigsten menschlich waren und langwieriges Akten wälzen und Schlupflöcher suchen.
Der Abend konnte nicht schnell genug hereinbrechen, doch irgendwie schien die Uhr geradezu rückwärts zu laufen. Ablenkung fand er auch keine, denn mit Lorne wollte er sich nicht unterhalten, Angel mied er nach Möglichkeit, Illyria war ohnehin nicht kommunikativ und Wesley noch immer viel zu abgedreht, um sich mit ihm auch nur zehn Minuten unterhalten zu können, ohne gleich das Gefühl zu bekommen, selbst den Verstand zu verlieren. Wieder kamen die Bedenken und Ängste hoch, die Charles irgendwo tief in seinem innersten vergraben wollte und sein Versuch auch mal ein paar „gute“ Taten zu vollbringen scheiterte kläglich, da er ohne Angels Zustimmung wenig Möglichkeiten hatte und ihm der Vampir zu allem Überfluss tatsächlich erklärte, das ganze „Helfer der Hilflosen“ Geplänkel wäre nicht allzu rentabel und er könne sich nur mit derartigen Fällen beschäftigen, wenn er genug andere Sachen erledigt hatte, dass der Firma durch seine fehlende Arbeitsmoral kein Schaden entstand.
Charles musste sich ordentlich zusammenreißen, um ihn nicht anzubrüllen und als dann auch noch Hamilton in seinem Büro auftauchte, war es einfach zu viel. Er begrüßte den Anderen mit einem eisigen Blick und wandte sich wieder seinem Fall zu.
„Sie haben ein paar Probleme, Mr. Gunn. Ich würde Ihnen eine Sitzung bei unserer psychologischen Betreuungsabteilung empfehlen. Überarbeitetes und gestresstes Personal erzielt schlechte Leistungen. Ich werde das bei Angel anmerken.“
„Halten Sie sich da raus. Meine Leistungen sind vollkommen in Ordnung. Ich verliere nur selten einen Fall.“
„Irgendetwas anderes, vielleicht? Ich bin nur um Ihr Wohlergehen besorgt. Sie haben eine schwere Zeit durchgemacht.“
„Wollen Sie mir wieder irgendein Angebot unterbreiten, bei dem ich mir sicher sein kann, dass nichts Gutes dabei rauskommt?“
„Sie sind bewundernswert. Aber dumm. Früher oder später werden sie die Konsequenzen für ihr derzeitiges Verhalten tragen müssen, mein Lieber.“
„Sonst noch etwas?“ Charles blickte von der Akte hoch. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt und er zeigte nicht einmal den Ansatz eines Lächelns. Aus kalten Augen starrte er Hamilton an.
„Sie müssen dringend ausspannen.“ Hamilton lächelte freundlich.
„Habe ich vor. Keine Sorge. Sobald ich hier fertig bin.“ Charles ließ das im Raum stehen und wandte sich wieder seiner Akte zu. Er kritzelte ein paar zusätzliche Notizen auf das Papier, noch immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, eine bodenständige Verteidigung aufzubauen.
„Nein. Sonst nichts. Ich wollte nur sichergehen, dass es Ihnen bewusst ist … die Sache mit der Konsequenz, meine ich.“
„Glauben Sie mir. Nach der Angelegenheit mit Fred bin ich mir sehr bewusst, dass die Konsequenzen in dieser Firma verdammt schwer zu schlucken sind. Wenn Sie mich jetzt bitte weiterarbeiten lassen würden.“
„Wie Sie wünschen.“ Hamilton lächelte, nickte ihm kurz zu und verließ dann das Büro. Charles hob den Kopf und starrte nachdenklich auf die geschlossene Tür. Hamilton behagte ihm nicht. Nicht im Geringsten. Der Kerl machte immer den Eindruck als hätte er alle Fäden in der Hand und es bräuchte nur einen Wink von ihm, um ein komplettes Gebäude zum Einsturz zu bringen. Er war ungern mit dem großen Mann in einem Raum. Auch wenn sich Charles das nicht eingestehen wollte: Hamilton ängstigte ihn regelrecht. Der Kerl war schleimig und glatt wie ein Aal.
~*~
Auch wenn es Charles wie drei Tage vorkam, schaffte er auch noch die letzten drei Stunden zu überstehen und letzten Endes konnte er tatsächlich Feierabend machen. Als ihm auf dem Weg zum Aufzug Wesley entgegen kam und ihm zu allem Überfluss tatsächlich ein Gespräch über Angel und die an ihm deutlich sichtbaren Veränderungen aufdrückte, wurde Charles regelrecht unruhig und war reichlich abgelenkt. Irgendwann bemerkte sogar der etwas verwirrte und auf seine Beobachtungen fixierte Wesley, dass sein Gesprächspartner ihm nicht wirklich zuhörte und Charles redete sich daraufhin auf Albträume und Müdigkeit hinaus, versprach aber, dass er sich morgen mit Wesley zusammensetzen und über seine Beobachtungen reden würde. Mit der Zusicherung einigermaßen zufrieden gestellt, ließ ihn der Brite endlich ziehen und Charles eilte mit hastigen Schritten auf den Aufzug zu, bevor ihn noch jemand in ein Gespräch verwickeln würde.
Wenige Minuten später stand Charles vor der Tür zu den Zellen und atmete ein paar Mal tief durch. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, es sonderlich eilig zu haben. Endlich glaubte er, sich weit genug im Griff zu haben und trat durch die Tür. Der Wächter begrüßte ihn mit ein paar freundlichen Worten, bot ihm Peitschen und dergleichen und erkundigte sich freundlich, ob Charles den Gefangenen wieder mitnehmen wollte und ob er ihn zum Transport bereit machen sollte. Charles wehrte ab, gab an, dass er dem Häftling vorher noch eine Gelegenheit geben wollte, ihm die nötigen Informationen freiwillig zu geben anstatt sie aus sich heraus geprügelt zu bekommen und so betrat er gleich darauf Lindseys Zelle.
Der junge Mann saß in einer Ecke am Boden und starrte die Wand an. Er schien gar nicht zu bemerken, dass jemand seine Zelle betreten hatte.
„Hey“, war alles, was Charles über die Lippen brachte, nachdem die Tür ins Schloss gefallen und die Kameras abgeschaltet worden waren. Lindsey hob den Blick, ließ den Kopf aber sogleich wieder sinken. Seine Augen waren glasig und glänzten feucht. „Lindsey?“ Charles ging langsam auf ihn zu. Lindsey presste die Lippen aufeinander und hielt seinen Blick weiterhin starr gegen die Wand gerichtet. „Lindsey.“ Charles’ Stimme war besorgt. Sein Magen zog sich zusammen, als der Angesprochene nicht weiter auf ihn reagierte, ganz als wäre er gar nicht da.
Charles trat zu dem jungen Mann und ging neben ihm in die Knie. Er hob die Hand, wollte Lindsey berühren, hielt sich aber dann doch zurück. Er hatte keine Ahnung, was geschehen war, doch er war sich sicher, dass etwas mit Lindsey nicht stimmte.
„Lindsey, was ist los?“, versuchte er erneut, die Aufmerksamkeit des Gefangenen zu erlangen. Doch seine Bemühungen waren auch dieses Mal nicht von Erfolg gekrönt. Letztendlich berührte er ihn doch, vorsichtig als wäre Lindsey aus teuerstem Porzellan. Er schreckt von der Berührung weg. „Verdammt noch mal. Was ist los?“
„Ist er weg?“, flüsterte Lindsey, hielt den Blick auf die Wand gerichtet, als wolle er seine Umgebung nicht sehen.
„Wer, Lindsey?“ Einen Moment sah es so aus, als wollte der junge Mann antworten, doch dann biss er hart die Zähne aufeinander. Charles wurde langsam ungeduldig und hinzu kam, dass er sich ernsthafte Sorgen machte. Er hatte Lindsey noch nie so gesehen. Normal hatte er selbst in einer Situation, die für ihn nicht gut aussah noch einen dummen Spruch auf den Lippen. Außerdem fragte er sich langsam, ob dieses seltsame Gefühl, dass ihn den ganzen Tag belastet hatte, tatsächlich damit zu tun gehabt hatte, dass er Lindsey vermisst hatte oder ob er irgendwo tief in seinem Innersten geahnt hatte, dass etwas nicht in Ordnung war.
Erneut berührte er Lindsey sanft an der Schulter, der wieder vor ihm zurückweichen wollte. Doch diesmal ließ ihn Charles nicht gehen. Er packte den jungen Mann etwas unsanft bei den Schultern und zwang ihn dazu, ihm ins Gesicht zu sehen.
„Wer, Lindsey? Rede endlich mit mir, verdammt. Was ist passiert? Wer war hier? Was haben sie gemacht?“ Eigentlich wollte er Lindsey nicht anbrüllen, aber er wusste sich nicht anders zu helfen. Es kam einfach über ihn. Mit großen, weit aufgerissenen und angstvollen Augen starrte ihn der Gefangene an. „Muss ich dir befehlen, endlich mit der Sprache rauszurücken?“, fragte Charles nun etwas sanfter.
„Er war hier“, flüsterte Lindsey, seine Stimme rau als hätte er stundenlang geschrieen. Ein kalter Schauer kroch über Charles Rücken hinunter.
„Er“, wiederholte er leise und Lindsey nickte. „Der Dämon“, mutmaßte Charles vorsichtig. „Das Ding aus dem Keller.“ Bei der bloßen Erwähnung zuckte Lindsey zusammen und versuchte, noch weiter in die Ecke zu kriechen.
Sanft hielt Charles ihn fest, zog ihn etwas aus der Ecke heraus und nahm Lindsey in die Arme. „Tut mir leid, Lindsey. Ich wusste nichts davon. Bitte glaub mir das.“ Schutzsuchend drängte sich der Andere in Charles Umarmung, versuchte regelrecht in ihn hineinzukriechen. Lindsey machte den Eindruck als könne er Charles gar nicht nah genug sein.
„Tauchte hier auf, kurz nachdem du gegangen bist“, stieß er schließlich hervor und obwohl er sichtlich bemüht war, sich zurückzuhalten traten ihm Tränen aus den Augen, rollten langsam über die unglaublich blassen Wangen. Charles entging nicht, dass sich Lindseys Körper unangenehm kalt anfühlte. Verwirrt drückte er ihn etwas von sich weg, was der junge Mann mit einem leisen Schluchzen quittierte.
„Was ist passiert, Lindsey? Wie lange sitzt du schon hier?“ Lindsey schüttelte den Kopf.
„Ich will nicht reden. Bitte. Ich will es einfach nur vergessen“, flehte er eindringlich. Charles fühlte sich seltsam hilflos. Er hatte keine Ahnung, was er tun konnte oder sollte und er war wütend auf sich selbst, weil er sich so hilflos fühlte und auf die Senior Partner, weil sie Lindsey nicht einmal hier in seiner Zelle in Frieden ließen.
„Himmel, du bist eiskalt. Komm erst mal mit zum Bett und wärm dich auf.“
„Blutverlust“, murmelte Lindsey leise. „Mir ist nicht wirklich kalt. Halb so tragisch.“
„Blut… was? Lindsey, bitte. Sag mir, was passiert ist.“
„Kennst das Spiel doch selbst.“ Charles fühlte, wie sich eine Gänsehaut über seinen Körper zog. Etwas verunsichert sah er sich um, erwartete fast, Lindseys Herz irgendwo herumliegen zu sehen. Doch da war kein Herz, kein Blut. Nichts was auf die Schrecken hindeutete, die Lindsey scheinbar durchlebt hatte.
„Nicht hier.“ Scheinbar hatte Lindsey seinen suchenden Blick richtig interpretiert. „Hat es nicht hier gemacht.“ Erneut versuchte Charles, den jungen Mann hochzuziehen, doch Lindsey entwand sich seinem helfenden Griff und drängte sich wieder in die Ecke. Seinen Blick wieder stur geradeausgerichtet. Erfolglos versuchte Charles, erneut seine Aufmerksamkeit zu erregen oder ihn zum Bett zu locken. Lindsey schien in seiner ganz eigenen Welt zu verweilen.
Seufzend zog Charles sein Handy hervor und kramte nach dem Zettel mit Aarons Telefonnummer. Er tippte die Nummer ein und wartete darauf, dass der Mann abhob.
„Aaron. Charles noch mal. Ich fürchte, ich muss für heute Abend absagen.“
„Was? Schade. Aber wenn du keine Zeit findest, hilft es nicht.“
„Liegt nicht an mir, sondern an Lindsey.“
„Lindsey? Was ist passiert? Sag nicht, es geht ihm noch nicht gut genug. Hat ihn vorher nie gestört. Wann ist er denn zu so einem Weichei geworden?“
„Nein, es ist was anderes. Scheint was passiert zu sein. Ich weiß nicht was, aber er ist völlig fertig.“
Stille am anderen Ende der Leitung.
„Aaron? Bist du noch da?“
„Wie meinst du das, er ist völlig fertig?“
„Er hockt in einer Ecke seiner Zelle und starrt vor sich hin. Zwischendurch hab ich mal ein paar Worte aus ihm rauslocken können. Aber jetzt scheint er überhaupt nicht mehr ansprechbar zu sein.“
Charles wartete ab, hoffte darauf, dass Aaron irgendeine Idee hatte. Sein Blick ruhte auf dem Häuflein Elend in der Ecke der Zelle und erneut zog sich ihm der Magen schmerzlich zusammen.
„Das klingt, als hätte er einen Zusammenbruch. Dann muss wirklich was richtig Schlimmes passiert sein. So was passiert bei ihm nicht schnell. Hör mir jetzt gut zu, Charles, auch wenn es völlig bescheuert klingt, es ist wichtig.“
„Bin dankbar für jeden Hinweis“, murmelte Charles finster.
„Okay. Ich kann nicht garantieren, dass es klappen wird, aber so wie ich Lindsey kenne, ist das Beste, was du jetzt machen kannst, ihn in seine Rolle als Sub zu drängen. Er fühlt sich darin geborgen, wenn er dem Dom vertrauen kann und ich gehe davon aus, dass er dir vertraut, sonst hätte er dich nicht zu mir gebracht.“
„Ihn in seine Rolle … und wie?“
„Befehle, Charles. Was sonst? Du sollst ihn jetzt nicht gleich verprügeln, wenn er nicht gehorcht. Im Moment kann er für sich selbst die Grenzen vermutlich nicht abstecken und würde dir nicht mitteilen, wenn er es nicht packt. Gib ihm das Gefühl, dass du alles im Griff hast und dass er bei dir sicher ist. Befiehl ihm, dir zu sagen, was passiert ist. Sei einfach Präsent und dominant. Dräng ihn dazu, seine devote Seite zuzulassen, sich dorthinein zu flüchten, darin Halt zu finden.“
„Oh Mann. Mal sehen, ob ich das schaffe.“
„Klar schaffst du das. Lass dir deine Unsicherheit nicht anmerken. Denk dran, Charles: Er will dominiert werden. Jetzt vermutlich noch mehr als sonst. Er braucht den Halt.“
„Okay. Danke Aaron.“
„Kein Problem. Ich drück euch die Daumen. Ach und Charles? Wenn du meinst, er braucht nen Tapetenwechsel, kommt einfach her. Ich bin zu Hause. Wir müssen ja nicht zwangsläufig eine Session abhalten.“
„Danke.“
Charles meinte seine Aussage aufrichtig. Er fühlte sich immerhin ein wenig ruhiger. Wenn es Lindsey helfen konnte, dass er jetzt den Boss rauskehrte, dann wollte er das tun. Für Lindsey ignorierte er seine eigene Unsicherheit und sammelte Selbstsicherheit und Kraft, von der er nicht gedacht hätte, dass er sie im Moment überhaupt aufbringen konnte. Er atmete einmal ruhig durch, straffte die Schultern und trat dann wieder zu Lindsey, wobei er das Handy zurück in seine Tasche gleiten ließ.
„Komm hoch“, befahl er ruhig. Lindsey reagierte nicht darauf. „Hey! Ich habe gesagt, dass du aufstehen sollst. Willst du mir den Gehorsam verweigern?“, erkundigte sich Charles mit etwas schärferem Tonfall und wie es Aaron wohl erwartet und er in erster Linie erhofft hatte, verfiel Lindsey nach kurzem Zögern und einem langen, fragendem Blick tatsächlich in seine Rolle und gehorchte. Er rappelte sich hoch und folgte Charles’ Geste entsprechend, bewegte sich auf die Pritsche zu und nahm darauf Platz.
Charles ging zu ihm und legte die Decke um seine Schultern, nahm neben dem blassen Mann Platz, der mit rundem Rücken auf der Pritsche kauerte. Er nahm Lindseys Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und zwang ihn dazu, ihn anzusehen.
„Erzähl mir, was passiert ist.“
Wieder sah ihn Lindsey aus großen Augen verunsichert an.
„Erzähl mir, was passiert ist“, wiederholte Charles ruhig aber bestimmt. Der junge Mann glitt zögerlich mit der Zunge über seine Lippen, um noch einen Moment länger schweigen zu können, dann schlug er die Augen nieder und erzählte mit leicht zittriger Stimme, was sich zugetragen hatte. Charles verstand den Hinweis und ließ ihn los, so dass Lindsey den Blick senken konnte. Scheinbar war es ihm reichlich unangenehm, dass er so verunsichert und verstört war, nach den Ereignissen.
Eigentlich war es das, was sich Tag für Tag in dem Keller zugetragen hatte. Der Dämon war plötzlich aufgetaucht und hatte ihn mit sich fortgezerrt, scheinbar in eine andere Dimension. Das was Lindsey an der ganzen Sache so unglaublich aus der Bahn warf, war wohl die Tatsache, dass er sich bislang relativ sicher gefühlt hatte, in der Zelle. Diese Sicherheit war jetzt dahin. Der Dämon konnte augenscheinlich jederzeit auftauchen und ihn quälen. Und für Lindsey gab es keine Möglichkeit, ihm zu entkommen.
Hinzu kam, dass ihm – anders als in den Monaten in der Höllendimension – jede Einzelheit im Gedächtnis geblieben war. Der Schmerz, der sich in Lindseys Augen spiegelte, zeigte deutlich, dass er sich noch viel zu genau erinnern konnte, wie ihm das Monster das Herz aus der Brust geschnitten hatte, dass die Angst noch immer übermäßig präsent war und dass er es nicht so schnell würde vergessen können.
Als Lindsey davon erzählte, wie der Dämon das Messer in seine Brust getrieben hatte, fasste er sich mit zitternder Hand an die Brust, ganz so, als müsse er sich vergewissern, dass sein Herz noch schlug, dass er es wiederhatte, dass da keine klaffende Wunde war.
Charles nahm Lindseys Hand und zog sie von seiner Brust weg, ersetzte sie durch seine eigene. Schon alleine, um sich selbst zu vergewissern, dass Lindseys Herz schlug. Er hatte nicht vergessen, wie eine tote Lilah ihnen ein Angebot unterbreitet hatte. Wolfram und Hart war nicht zu trauen.
Aber Lindsey war am Leben. Sein Herz schlug heftig und schnell, erweckte bei Charles den Eindruck, dass es am liebsten aus der Brust des jungen Mannes in seine Hand springen wollte. Ein etwas verstörender Gedanke, bedachte man, dass er es vor wenigen Stunden wirklich in der Hand hätte halten können.
Lindsey beendete seine Erzählung mit noch immer zitternder Stimme, doch zu Charles’ Erleichterung fühlte er sich mittlerweile wärmer an. Als würde langsam aber stetig Leben in seinen Körper zurückkehren.
Charles nickte knapp. „Guter Junge“, murmelte er bestätigend und strich Lindsey durch die Haare. „Und jetzt hör mir gut zu.“ Babyblaue Augen sahen ihn aufmerksam an.
„Das ist vorbei. Er ist weg, ich bin hier.“ Lindsey nickte knapp. „Falls er wiederkommt, erinnere dich immer daran, dass es nur vorübergehend ist, klar? Selbst wenn er dir das Herz herausreißt, kann er dich nicht töten. Es ist nur vorübergehend, hast du das verstanden?“ Lindsey schluckte, nickte dann aber bestätigend. Charles war erleichtert. Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Es war ihm nicht möglich, Lindsey zu versprechen, dass er in Zukunft sicher war, denn darauf hatte er wohl keinen Einfluss.
„Und jetzt steh auf. Wir verschwinden von hier. Zumindest für ein paar Stunden.“
Diese Aussicht schien den jungen Mann durchaus zu erfreuen, denn er nickte eifrig und es zeigte sich sogar ein schüchternes Lächeln auf seinen Lippen. Charles erhob sich und ging zur Tür. Über die Gegensprechanlage bat er den Wächter um Handschellen nur wenige Minuten später war er mit Lindsey auf dem Weg zum Auto, wobei er ihn wieder etwas grober vor sich her schob, als es eigentlich nötig gewesen wäre.
~*~
Sie waren seit rund zehn Minuten unterwegs und Lindsey hatte noch immer kein Wort gesprochen. Charles warf immer wieder einen Blick in den Rückspiegel. Der Gefangene saß auf der Rücksitzbank und starrte auf seine Hände.
„Du darfst dir die Gegend ansehen, das habe ich nicht verboten“, meinte er lächelnd, als ihm bewusst wurde, dass sich Lindsey noch immer in seiner Rolle befand und wohl nichts tun würde, ohne einen Befehl oder seine ausdrückliche Erlaubnis. Tatsächlich hob der junge Mann daraufhin den Blick und sah aus dem Fenster. Er wirkte etwas entspannter.
Als sie endlich bei Aarons Haus ankamen und Charles die Autotür öffnete, stieg Lindsey folgsam aus, wartete darauf, dass er ihm die Handschellen abnahm und folgte Charles dann auf dem Fuß zum Haus. Dort angekommen betrachtete ihn Charles nachdenklich. Auch wenn es angenehm war, dass Lindsey ihm aufs Wort gehorchte, fühlte er sich nicht so ganz wohl in seiner Haut. Er war viel zu schweigsam und ruhig, für Charles’ Geschmack. Vielleicht sollte er ihm die Erlaubnis erteilen, frei zu sprechen, doch Charles war sich nicht so ganz sicher, ob das so unbedingt in das Regelwerk passte, mit dem er noch immer nicht vertraut war. Mit einem leisen Seufzen Klopfte er mehrfach an und wartete, dass Aaron ihnen die Tür öffnete. Er war froh, die Verantwortung für Lindsey wieder abgeben zu können.
Doch seine Hoffnungen wurden zerschmettert, als Aaron die Tür öffnete.
Hmmm. das is ja mal wieder ein böser Cliffhanger. *lol* Aber weil ich die letzten beiden Tage nix gepostet habe, kriegt ihr eh gleich noch ein weiteres Kapitel nachgeliefert ;)
Danke an alle, die noch immer treu am Lesen sind. *froi* Und vielen Dank an die Punktegeber und Kommentierer!
@Bronx: *lol* Ja, ich mag die Zellen-Szenen auch voll gern. Gut, dass er da wohl ned so rasch rauskommt ;)
Na mal sehen, ob das bei Aaron "heute" Abend wirklich so erotisch wird ... Die Sterne stehen schlecht dafür ^^
Danke für deinen superlieben Kommentar!
@Meg: Hihi.
Ich hab schon Angst, dass du nur all zu bald all die Entspannung aufhebst und mich wieder bangen lässt!
Mist... du hast mich durchschaut und kennst mich schon zu gut... jetzt muss ich mir aber was einfallen lassen :(
Vielen Dank für deinen Kommentar! Und grooooßes SORRY! dass du so lange auf das nächste Kapitel warten musstest! War echt keine Absicht :(
@DrusillaCallsIn: Oha! Vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar! Schön zu sehen, dass es doch noch ein paar Leser dort draußen gibt ;)
Freut mich sehr, dass dir die Story bisher gefallen hat und ich hoffe, sie wird dir auch weiterhin gefallen!